00:04
Berlin, 4. Dezember 1905. Ein Montagmorgen, es ist klirrend kalt. In der Andreasstraße 25, in einem einfachen Mietshaus im Berliner Osten, macht sich ein junger Mann fertig. Es ist August Giernot, 21 Jahre, Kellner. Ein lebenslustiger, fleißiger Typ aus Oberschlesien, der in Berlin sein Glück sucht.
00:26
Heute glaubt er, es gefunden zu haben. Er hat sich extra herausgeputzt. So schick wie ein Kellner mit kleinem Monatsgehalt das eben macht.
00:35
Dreiviertel acht. Es klopft. Ein blasser Mann betritt die Wohnung. Dunkler Mantel, schwarzer steifer Hut, Stock mit silbernem Griff. Eine birnenförmige Perlnadel glänzt an seiner Krawatte. Es ist Oberinspektor Reimann aus Potsdam.
00:52
Reimann hat eine Stelle für August. Kellner in einem feinen Casino am Wannsee. 300 Mark im Monat und Trinkgeld vom wohlhabendsten Publikum Berlins.
01:04
Gegen halb zehn machen sich die beiden auf den Weg. Einmal quer durch die Stadt Richtung Glienicker Forst. Der Inspektor sagt, der Weg zum Casino führe ein Stück durch den Wald.
01:15
August Giernot wird nie im Casino ankommen. Sein Traum von einem besseren Leben endet hier und jetzt.
01:30
Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin mit Crime History. Historische Verbrechen aus Berlin und Brandenburg.
01:46
Willkommen bei Crime History. Ich bin Florian Prokop.
01:49
Und ich bin Jana Falkenstein. Und was ist das heute wieder für ein Fall? Einer, mit dem sich die Polizei blamierte, der die Presse zu Sportgeschichten inspirierte und sogar den Kaiser höchstpersönlich und den berühmten Dichter Christian Morgenstern beschäftigt.
02:07
Die Geschichte beginnt am 2. Dezember 1905. August Giernot setzt sein Inserat in den Berliner Lokalanzeiger. Er sucht eine Stelle als Büffetier, also Kellner, oder als Büroangestellter und er bietet eine Kaution an.
02:23
Du meinst, glaube ich, Provision, eine Provision zur Jobvermittlung.
02:27
Nee, Kaution. Es ist eine Kaution, die er dann bei seinem neuen Arbeitgeber hinterlegen will als Zeichen seiner Zuverlässigkeit. Das war so üblich. Absurd, ne?
02:37
Absurd.
02:39
Was wissen wir über August?
02:41
Er ist 21 Jahre alt, geboren in Jakobsdorf in Oberschlesien und gerade arbeitet er im automatischen Restaurant in der Friedrichstraße in Berlin-Mitte.
02:52
Höchstpersönlich zu Gast konnte sie dort nicht mehr sein, unsere Regina Sturiko, aber es ist ihr sicherlich bekannt. Es war ja was ganz Besonderes und das erste seiner Art.
03:02
Ja, es war in der Tat das Erste seiner Art und zwar ins Leben gerufen von einem gewissen Max Silaf. Der war Ingenieur und Patentanwalt und hatte eine tolle Idee. Also man sollte es eigentlich nicht automatisches Restaurant nennen, sondern mehr Automatenrestaurant. Also wie funktionierte das? Da bekam man Getränke, man warf eine Münze ein in einen Schlitz und stellte unter eine Art Wasserhaken, wo was drauf stand.
03:29
sein Glas und dann lief eben für, was weiß ich, zehn Groschen oder so oder noch weniger, lief dann eben das Bier in das Glas. Und ja, wie kam man an sein Essen? Man warf ebenfalls eine Münze ein, dann konnte man die Klappe aufmachen und sich sein Essen herausholen.
03:48
Das heißt, man hat gar keine Kellnerin mehr gebraucht?
03:51
Nein, man brauchte also keine Kellner zum Bedienen, sondern allenfalls, um das Geschirr wieder wegzuräumen und natürlich um die Fächer, aus denen die Kunden gerade was genommen hatten, wieder nachzufüllen. Das war ja auch wichtig. Das musste immer alles voll sein und immer alles tipptopp sein.
04:11
Dass August einen Job über die Zeitung sucht und dann auch noch eine Kaution anbietet, ist das ein übliches Vorgehen gewesen?
04:19
Also du hast ja gesagt, es ist üblich, lügt sie?
04:23
Nein, sie lügt nicht. Das ist vielleicht nicht in jedem Restaurant der Fall gewesen, aber in vielen Restaurants. Denn es war so, also die Kellner mussten beispielsweise dafür aufkommen, wenn sie ein Glas mit vollen Biergläsern haben fallen lassen, den Verlust wussten die, die Kellner tragen. Oder wenn ein Gast ohne Bezahlen das Weite suchte, dafür waren dann auch die Kellner verantwortlich.
04:51
Du hast doch mal gekellnert, Flo. Das gibt es heute so nicht mehr.
04:54
Also da, wo ich gekellnert habe, nicht. Aber ich glaube, bei den Wiesen in München hier, Oktoberfest, die kaufen zumindest die Getränke an der Bar und verkaufen sie dann wieder selbst. Das ist ein bisschen nochmal was anderes.
05:08
Ja, genau. Du hast völlig recht. Das war damals, das stammt noch aus der Zeit. Ja, das war damals auch so üblich.
05:14
Jetzt sind wir 1905. Wie ist denn da die wirtschaftliche Stimmung gewesen zu der Zeit?
05:22
Da muss man auch wieder von zwei verschiedenen Seiten ausgehen. Natürlich gab es schon Armenviertel, es gab schon viele arme Leute, es gab schon die Mietskasernen oder es fing gerade damit an, wo in einer Zweizimmerwohnung zehn Leute oder noch mehr wohnten. Aber im Großen und Ganzen blühte die Mittelschicht und es ging den Leuten in dieser Zeit des Kaiserreichs doch relativ gut.
05:49
Und man ist offenbar nach Berlin gegangen, um sein Glück zu suchen, wie August. Genau, das haben die meisten ja schon zu der Zeit gemacht. In Berlin wollte jeder sein Glück machen. Große Industriestadt, die Industrie entwickelte sich, hier war Geld zu machen.
06:05
Und August wird beschrieben als lebenslustiger und fleißiger Mensch, aber sein Gehalt reicht ihm eben nicht. Er will seiner Mutter mehr Geld nach Hause schicken können, also nimmt er sein Schicksal in die Hand und sucht nach einem besser bezahlten Job und gibt deswegen besagte Annonce im Berliner Lokalanzeiger auf.
06:22
Und prompt kommt die Antwort. Noch am selben Tag klopft es an seiner Tür. Er wohnt in der Andreasstraße 25 im Friedrichshain. Das ist in der Nähe des Strausberger Platz. Gemeinsam mit seinem Bruder Fritz. Sie wohnen da zur Untermiete. August ist allerdings gerade bei der Arbeit im automatischen Restaurant. Sein Bruder Fritz öffnet. Ein älterer Mann steht im Türrahmen. Er stellt sich als Oberinspektor Reimann aus Potsdam vor. Er hat eine Stelle für August.
06:52
Am nächsten Tag sucht dieser Inspektor August direkt an seinem Arbeitsplatz auf. Er beschreibt ihm dann dort die Stelle genauer. Arbeitsort ist ein exklusives Casino am Wannsee. Er kriegt 300 Mark Gehalt und viel Trinkgeld, denn dort verkehrt wohl das feinste Publikum Berlins. August ist natürlich begeistert und kündigt noch am selben Tag seine aktuelle Stelle.
07:14
Es muss ein sehr aufregender Tag gewesen sein für den jungen Mann, der vor Abend quasi eines neuen Lebens, er muss gedacht haben, diesen Fremden, den schickt der Himmel. Aber ich finde es ehrlicherweise auch ziemlich krass, dass er gleich Nägel mit Köpfen macht, alles auf eine Karte setzt. Er kennt den Mann ja überhaupt nicht.
07:32
Und dann ist es Montag, der 4. Dezember 1905. Nervös wartet August auf Inspektor Reimann. Er hat seine Papiere schon rausgelegt. Sein Taufschein ist dabei, sein Impfschein ist dabei. Es ist alles bereit. Reimann kommt dann auch zur Sache. Er sagt, die Stelle ist gesichert, aber die Kaution muss heute eben noch gestellt werden. Und das sind 500 Mark in bar. Ohne Kaution, keine Stelle im Casino, kein Trinkgeld von reichen Leuten am Wannsee, kein neues Leben.
08:00
Kein Problem für August, der hat nämlich ein Sparkassenbuch. Es liegt bei seinem Verwandten Schlachtermeister Biel in Kreuzberg in der Skarlitzer Straße 56. Da muss er es nur noch abholen, also gehen die beiden zuerst dort vorbei.
08:13
Reimann wartet draußen vor der Tür und drinnen holt August sein Sparkassenbuch. Da sind über 750 Mark drauf, also alles, was er hat. Frau Biel schaut übrigens den Fremden durch das Fenster an und sagt tatsächlich, geh nicht mit dem mit. Also sie mag den nicht, sie findet irgendwas stimmt da nicht.
08:33
August steckt das Sparkassenbuch ein und geht nach draußen gegen den Rat seiner Verwandten. Gegen halb zehn verlassen die beiden Männer die Skaditzer Straße und machen sich auf den Weg Richtung Wannsee, Richtung Klein-Glienicke. Und dann macht er schon am ersten Abend ein kleines Vermögen. Haben die Casino-Besucher wirklich so tiefe Taschen, wie August es sich erträumt hat?
08:56
Sein Bett bleibt auf jeden Fall leer in dieser Nacht. Sein Bruder macht sich auch keine großen Sorgen. August hat eine neue Stelle, der ist sicher voll auf beschäftigt und deswegen unternimmt Fritz zunächst auch gar nichts.
09:07
Und zwar eine gute Woche lang. Das finde ich ja dann schon ein bisschen doll. Von meiner Schwester würde ich was anderes erwarten.
09:13
Und er wird auch nur stutzig, weil ein Brief kommt am 11. Dezember.
09:17
Adressiert an August Giernot, sein Bruder, Absender, Bankhaus Karl-Werner, Friedrichstraße 22. Ein Wechsel über 550 Mark sei fällig, und zwar morgen. Man werde sich sonst am Sparkassenbuch schadlos halten.
09:33
Fritz versteht zunächst kein Wort, was für ein Wechsel ist gemeint, was für ein Bankgeschäft ist gemeint. Und deswegen geht er sofort in die Friedrichstraße zu diesem Bankier. Der legt ihm auch die Dokumente hin, also das Sparkassenbuch, eine Verpfändungsurkunde. Und Fritz schaut dann da unten auf die Unterschrift.
09:49
Das Sparkassenbuch ist das echte, das Originale seines Bruders. Aber die Unterschrift unter der Wechselschrift und der Verpfändungsurkunde, die stammt nicht von August. Die ist eindeutig gefälscht.
10:02
Während August schon seit Tagen nicht mehr auffindbar ist, hat jemand in Augusts Namen das Sparkassenbuch Berlin, hat sich 500 Mark auszahlen lassen und die sind jetzt fällig bzw. 550 sind sogar jetzt fällig. Wer war das und wo ist diese Person?
10:22
Musik
10:26
Fritz wartet nochmal drei Tage, bevor er dann endlich zur Polizei geht. Also insgesamt zehn Tage, nachdem sein Bruder verschwunden ist, steht er das erste Mal auf dem Polizeirevier. Es ist jetzt der 14. Dezember 1905.
10:40
Und dort auf dem Revier schildert er die Lage. Sein Bruder August ist seit zehn Tagen verschwunden. Ein Fremder hat sich in seinem Namen 500 Mark vom Sparkassenbuch geliehen. Diese Unterschrift ist gefälscht und er weiß nicht, wo sein Bruder August ist.
10:55
August Giernot wird an diesem Tag als vermisst gemeldet. Der Kommissar im Dienst leitet die üblichen Maßnahmen ein.
11:01
Dabei wurde August längst gefunden. Eine knappe Woche zuvor bei einem Polizeieinsatz im Glienicker Forst.
11:14
So, wie nahm man denn da?
11:17
Der ist schon ein bisschen tot. Den hat ein Kutscher gefunden heute Morgen. Er hat gesagt, er wäre fast drüber gefahren. Er hat ihn dann von der Kutscher aus aber noch gesehen, ist abgestiegen. Da war der schon steif.
11:31
Schusswunde hier rechts an der Schläfe. Hast du eine Waffe gefunden? Nee, ich habe das ganze Gelände abgesucht. Aber Wertsachen sind da. Wertsachen?
11:40
Ja, eine goldene Uhr mit Kette, ein Portemonnaie mit 30 Mark, so ein Stock mit einem silbernen Griff.
11:47
Kein Raub, also. Bleib smart. Wir melden nicht so.
11:52
Ja, Papiere hat er ja auch dabei. August Giernot. Nur keine Anschrift. Aber hier ist dein Heimatort Jakobsdorf, Oberschlesien.
12:02
Na dann, anhöriger Mittel. Ja.
12:05
Am 9. Dezember 1905, also Tage vor der Vermisstenanzeige, findet ein Kutscher die Leiche von August Giernot. Die Polizei vermutet, dass es sich um Suizid handelt. Die Schussverletzung passt dazu. Man fragt sich aber natürlich, wieso wurde Bruder Fritz nicht längst informiert?
12:25
Ja, das ist auch wirklich tragisch. Es wurde versucht, in Jakobsdorf Angehörige zu ermitteln.
12:30
In Oberschlesien.
12:31
Genau, man hat aber niemanden gefunden und August Berliner Adresse stand nicht auf den Papieren, die August bei sich hatte. Der war auch erst ganz kurz nur in Berlin. Und richtig krass ist auch, weil man niemanden findet, wird August Giernot anonym auf dem sogenannten Selbstmörderfriedhof beigesetzt.
12:48
So heftig. Da sitzt Fritz bei der Polizei und erfährt, sein Bruder wurde schon vor drei Tagen beerdigt. Das muss man sich mal vorstellen. August wird auf Wunsch der Familie übrigens exhumiert und dann in Hohenschönhausen nochmal beerdigt. Aber Regina, also auf die Idee zu kommen, dass es sich hier um einen Selbstmord, einen Suizid handelt, das ist schon unglaublich.
13:12
Ziemlich abenteuerlich, oder? Wenn man keine Waffe findet?
13:16
Ja, also ich wäre da auch nicht drauf gekommen. Also ich hätte natürlich in erster Linie an Mord gedacht. Jemand ist erschossen, hat ein Schussbunde, keine Waffe. Da denkt man natürlich an Mord. Es gibt natürlich auch noch eine zweite Möglichkeit, dass jemand vorbeigekommen ist und gedacht hat, Schusswaffe kann man immer gebrauchen, nehme ich mal mit. Ja, dass jemand die Waffe im Nachhinein geklaut hat.
13:41
Dann könnte es Suizid gewesen sein, aber ja, also für meine Begriffe ist das nicht sehr wahrscheinlich.
13:50
Und wir haben jetzt ja einfach von einem Selbstmörderfriedhof geredet, den gab es offensichtlich, Regina. Warum gab es den? Kannst du ein bisschen mehr darüber erzählen, was war das genau?
13:58
Ja, diesen Friedhof, den gab es tatsächlich. Der hatte auch einen offiziellen Namen. Der hieß Friedhof Grunewald Forst. Und der war tatsächlich mitten im Grunewald in der Nähe der Halbinsel Schildhorn. Das ist auch gar nicht weit von der Havelchaussee. Da kann man auch ganz gut mit dem Bus hinfahren, mit dem 218er, der zur Anlegestelle Fraueninsel fährt.
14:21
Vielen Dank für den Verkehrsinweis, Regina. Das ist ja Service.
14:23
Ja, bitte gern geschehen. Das ist ein schöner Ausflug.
14:27
Ja, und diesen Friedhof hatte man 1879 angelegt und er war tatsächlich dafür bestimmt, sogenannte Selbstmörder dazu begraben und auch unbekannte Tote und ja auch Menschen, die in der Havel ertrunken waren.
14:49
Man ist immer davon ausgegangen, dass Menschen, die in der Havel ertrinken, die man da findet, dass die auch Suizid verübt haben. Muss natürlich nicht nichts. Sie können auch einfach beim Baden ertrunken sein. Sie können auch einfach ermordet worden sein. Okay, das wäre natürlich auch möglich gewesen.
15:08
Und Menschen, die Suizid begangen haben, die wollte man nicht einfach auf einem normalen Friedhof auch begraben?
15:14
Suizid war nach den Regeln der katholischen und auch der evangelischen Kirche eine Todsünde und die sollten nicht in geweihter Erde beigesetzt werden. Und ja, das war der Sinn dieses Friedhofs. Darf ich noch ein kleines Schmankerl zu diesem Friedhof erzählen?
15:33
Ich bin gespannt.
15:34
Ja, also dieser Friedhof bestand ja ziemlich lange und er ist ja auch immer noch da. Wie gesagt, man kann ihn besichtigen. Und an einer Stelle, da findet man fünf nebeneinander, fünf orthodoxe Kreuze. Und da ist Folgendes passiert. Da haben fünf russische Immigranten Selbstmord verübt, weil sie sich mit der Machtübernahme der Bolschewiki in Russland nicht abfinden wollten.
15:59
Regina, und wie stand es um die Suizidrate zu der Zeit?
16:03
Ja, die war damals sehr hoch. Die war ungefähr doppelt so hoch wie heute und vor allen Dingen rund 80 Prozent Männer.
16:12
Aber die Suizidtheorie im Fall von August Giernot ist natürlich erst mal vom Tisch, nachdem die Polizei von der Nummer mit dem Sparkassenbuch erfährt. Die Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen wegen Mordes ein.
16:25
Die Ermittler stehen allerdings vor einem Trümmerhaufen. Die Spur ist zehn Tage alt und vom mutmaßlichen Täter gibt es eine vage Beschreibung, die der Bankier geliefert hat. Also Blass, Hager, dunkler Schnurrbart, birnenförmige Perlnadel.
16:40
Aber diese Beschreibung passt ja wohl hervorragend auf den Mann, der August einen neuen Job angeboten hat. Kriminalinspektor Braun übernimmt den Fall. Er wühlt sich durch Berge von alten Strafakten und vergleicht erstmal Handschriften, weil viel mehr kann er zu dem Zeitpunkt nicht tun.
16:58
Aber er hat ja diese gefälschte Unterschrift auf dem Bankwechsel. Und so sitzt Braun jetzt da und sucht in alten Akten nach einer Unterschrift, die mit der Handschrift der gefälschten Unterschrift auf dem Wechsel übereinstimmen könnte.
17:12
Also das ist ja fast unmöglich. Die Nadel im Heuhaufen erfindet nichts.
17:16
Aber er macht noch eine andere Sache. Er geht an die Presse. Am Morgen des 14. Dezember erscheint in den Berliner Zeitungen der vollständige Tatbestand. Die Polizei setzt also auf die Augen der Stadt.
17:29
Ja, und eins, zwei, fix. Noch am selben Tag meldet sich eine Frau, Hedwig Fiebig, Köchin. Die Beschreibung des mutmaßlichen Täters, blasser Mann mit dunklem Schnurrbart, das kommt ihr sehr bekannt vor, allerdings nicht als Oberinspektor Reimann.
17:45
Der Mann, der August in den Wald gelockt hat. Sie kennt diesen Mann als Viktor Hohenheim. Sie sagt, er sei Heiratsschwindler, der sie im November, also vor wenigen Wochen, um ihr Erspartes bringen wollte. Ein Mann, zwei Namen. Ist überhaupt einer davon echt?
18:03
21. Dezember 1905, vier Tage vor Weihnachten, Berlin ist im Festtagstrubel. In den Redaktionsstuben des Berliner Lokalanzeigers stapeln sich die Jahresendmeldungen.
18:16
Dann kommt ein Brief rein, der alles andere verdrängt. Ein Redakteur öffnet den Umschlag, schaut nochmal auf den Absender. August Giernoth, Selbstmörderfriedhof Potsdam.
18:28
August Giernoth, also der Mann, der drei Wochen lang vermisst wurde, der Mann, dessen Leiche man im Wald gefunden hat und der jetzt auf einem namenlosen Friedhof verscharrt wurde, der schreibt jetzt Briefe?
18:42
Der Inhalt ist so frech, dass man es kaum glauben kann. Der Schreiber behauptet, Details über den Mord an August Giernot zu kennen. Er bietet der Redaktion drei exklusive Artikel über den genauen Mordhergang an. Jeden Schritt, jedes Detail.
19:01
Der Preis dafür 1200 Mark.
19:03
Und damit die Zeitung weiß, dass er kein Spinner ist, legt er ein Dienstzeugnis von August Giernot bei. Also er hat die Papiere des Toten.
19:12
Viele in der Redaktion tippen auf einen schlechten Scherz. Die Polizei wird aber dennoch alarmiert. Inspektor Braun glaubt nicht an so einen Scherz. Er erkennt was anderes. Er erkennt Eitelkeit, Geldgier und einen Täter, der Lust hat zu spielen.
19:28
Braun lässt sofort einen Handschriftenvergleich anordnen. Drei Quellen kommen jetzt auf den Tisch. Erstens der Brief an die Redaktion. Zweitens die Liebesbriefe, die der Heiratsschwindler Viktor Hohenheim an die Köchin geschickt hatte. Und drittens die gefälschte Unterschrift auf dem Bankwechsel.
19:46
Und dann steht es auch fest, alle drei Schriften stammen von derselben Hand.
19:50
Oberinspektor Reimann, der August in den Wald gelockt hat, ist der Unbekannte, der August Sparkassenbuch beliehen hat, ist Viktor Hohenheim, der Hedwig Fiebig mit Heiratsversprechen um ihr Geld bringen wollte.
20:02
Ist der Briefschreiber vom Selbstmörderfriedhof, der jetzt 1200 Mark für seine Geschichte fordert. Ein Mann, drei Namen, aber die Polizei weiß immer noch nicht, wie er wirklich heißt.
20:15
Braun erkennt eine Chance in dem Ganzen. Geldgier ist eine Schwäche. Also lässt er die Redaktion antworten. Nicht mit 1200 Mark, aber dafür mit 400 Mark für einen ersten Probeartikel über den Mord.
20:29
Und der Täter beißt an. Ein Bote werde um 20 Uhr von der Redaktion erscheinen. Als Erkennungszeichen gibt es eine Versicherungskarte des ermordeten August Giernot. Zeitnot, man nannte die Versichertenkarte übrigens früher Invalidenkarte.
20:44
Die Idee, ein Beamter zieht die Uniform des Hausportiers über und bezieht Position am Eingang der Redaktion. Drinnen warten dann Kommissar Braun und weitere Beamte.
20:55
Es ist zehn nach acht, jemand erscheint, aber es ist kein eleganter Inspektor, kein blasser Mann mit Pernadel. Es ist ein Dienstmann, der schwankt und lallt und sich kaum auf den Beinen halten kann. In den Akten steht, er ist sinnlos betrunken.
21:10
Er überreicht ein Schreiben. Die Invalidenkarte von August Giernot hat er auch dabei. Und sie ist echt.
21:17
Die Beamten verhören ihn dann so gut es geht. Er sagt, er habe den Auftrag am Spittelmarkt bekommen von einem Mann mit Schnurbert. Er solle die Antwort der Redaktion zum Lokal Paradiesgarten in Treptow bringen. Das steht dann auf so einem Zettel.
21:31
Paradiesgarten gibt es übrigens leider nicht mehr. Das war ein riesiges und sehr beliebtes Ausflugslokal im Treptower Park gegenüber der Insel der Jugend mit 6000 Sitzplätzen. Das wäre ich sehr gerne mal hingegangen. Kommissar Braun, gib dem Besowski also ein Antwortschreiben und die Verfolgung beginnt.
21:50
Und diese Verfolgung ist auch so ein bisschen eine Komödie, wenn ich mir das so Katze und Maus mäßig vorstelle. Tut mir leid. Also, der Bote fährt mit der Straßenbahn Richtung Treptow, hält unterwegs an, geht in eine Kneipe und trinkt sich einen, kommt raus, schwankt weiter, geht in die nächste Kneipe. Der war doch eh schon besoffen. Trinkt einen. Die besten Ermittler Berlins folgen einem komplett besoffenen Typen von Kneipe zu Kneipe.
22:17
Im Paradiesgarten taucht dann ein junger Mann auf, der den Brief übernehmen soll. Es kommt zur Festnahme. Doch auch der ist wieder nur ein Bote. Er sei am schlesischen Tor von einem Fremden angesprochen worden. Er soll den anderen Boten abholen im Paradiesgarten und mit dem dann nach Niederschöneweide fahren zum Chausseehaus. Dort würde dann jemand warten.
22:39
Kommissar Braun fährt also nach Niederschöneweide. Und zwar mitten in der Nacht, aber am Chausseehaus herrscht Stille. Es ist niemand da, keine Spur. Die Akten notieren nur trocken. Damit war auch diese Spur erloschen. 30. Dezember 1905. Wie man so schön sagt, es ist zwischen den Jahren. In der Redaktion des Berliner Lokalanzeigers landet ein neuer Brief.
23:04
Und aus diesem Brief wird deutlich, der Hobbyjournalist, wenn ich mal so sagen darf, slash mutmaßlicher Mörder, ist super sauer. Denn sein Angebot wurde schließlich nicht angenommen. Er beschwert sich über das Ausbleiben einer Antwort. Also er hat offenbar nicht mitbekommen, was sich da abgespielt hat im Paradiesgarten.
23:23
Wo bleiben die 400 Mark?
23:24
Wo bleiben die 400 Mark? Und er verlangt, jetzt einen Bescheid Postlagern zu senden. Und zwar ans Postamt 27 Blumenstraße, Chiffre AM 777. Wenn das mit den Booten nicht klappt, dann müssen wir das jetzt eben postalisch lösen.
23:38
Braun empfindet das als beispiellose Frechheit, so steht es in den Akten. Das hat ja auch ganz schön Chuzpe, oder?
23:45
Natürlich versucht die Polizei an ihrem Ende, was sie kann. Braun sendet einen Umschlag an besagtes Postfach und das Postamt steht natürlich von dem Moment an unter Dauerbeobachtung. Beamte lauern tagelang in Zivil hinter Schaltern und in den Hinterräumen.
24:00
Dann ist erstmal Silvester. Frohes Neues. Frohes Neues, auf das 1906 alle Wünsche in Erfüllung gehen und so weiter und so fort. Und am 2. Januar 1906, abends, im fahlen Schein der Gaslampen, tritt ein kleiner Junge an den Schalter und fragt nach dem Chiffrebrief AM777.
24:20
Ein Beamter führt den Jungen in eine Telefonzelle, um ihn zu verhören. Und im gleichen Moment bemerkt ein anderer Kriminalkommissar, ein mittelgroßer Mann mit dunklem Schnurrbart verlässt eilig den Vorraum.
24:33
Er folgt ihm, stellt ihn, aber...
24:36
Der Mann ist die Ruhe selbst. Er habe im Postamt gerade eine Geldsendung aufgegeben, sagt er. Er sei auf dem Heimweg. Er sagt sogar, ich komme gerne mit zur Wache. Ich kann mich da gerne legitimieren.
24:49
Der Kommissar zögert, sieht aber nicht wirklich eine rechtliche Handhabe. Und der Mann ist ja auch unglaublich gelassen. Also er lässt ihn gehen.
24:56
Zurück im Postamt sind seine Kollegen mit dem Jungen bereits verschwunden. Es gab auch eine Aussage, die führt aber ins Leere. Die Spur ist also wieder kalt.
25:05
Erst viel später wird die Polizei rausfinden, der Mann, der es so eilig hatte wegzukommen, aber dann bereitwillig mit aufs Revier gegangen wäre. Es war der Mörder von August Giernot.
25:16
Der Polizeibeamte hatte den richtigen Riecher, aber er ließ ihn dann doch laufen. Erinnert mich ein bisschen an den Wachtmeister in unserer Folge über August Sterneckel. Der war auch ein bisschen gutgläubig.
25:27
Könnt ihr gerne nachholen, die Folge. Und nachhören vor allem.
25:31
Einen Tag später, am 3. Januar 1906, trifft ein Brief in der Redaktion ein. Die Polizeidachse werden nun wohl endlich gesehen haben, dass sie mich so nicht fangen und dass der listige Fuchs sie auslacht. Unterzeichnet Reinicke Fuchs. Polizeidachse, das finde ich schon gut.
25:49
Es ist eine ziemliche Blamage. Aber, True-Crime-Phrase und dennoch wahr, Kommissar Braun gibt nicht auf. Der Dachs macht weiter.
25:59
Diesmal sucht er nicht nach dem Mörder von Giernot, er sucht nach einem Muster. Also der Gedanke dahinter ist, jemand, der so plant und so täuscht, der auch so Briefe so schreibt, das hat der schon mal gemacht.
26:10
Und er wird tatsächlich fündig. Im Laufe des Jahres 1905 häufen sich in Berlin und in den Vororten Berlins Anzeigen wegen Pfandscheinbetrugs. Ein Mann taucht bei Schustern und Lederarbeitern auf, gibt sich als Versicherungsagent aus, bietet Pfandscheine über angeblich wertvolles Sohlenleder an.
26:30
90 Mark wert für 10 Mark zu haben. Ist also ein glänzendes Geschäft, nur dass die Pfandlein, auf die die Scheine ausgestellt sind, gar nicht existieren. Also die 10 Mark sind dann eben auch weg.
26:41
Ja, Braun legt die Pfandscheine neben die Erpresserbriefe, neben die Liebesbriefe des Viktor Hohenheims.
26:49
Neben die gefälschte Unterschrift auf dem Wechsel des Bankiers Werner.
26:52
Und? Sag du.
26:54
Die stimmen natürlich überein. Und noch besser. Als würden wir das gleiche Skript vor uns haben, Florian. Und noch besser. Im August 1905 wurden diese Pfandscheinbetrügereien bereits in 19 Fällen zur Anzeige gebracht und damals hatte die Polizei sogar schon einen Täter ermittelt.
27:13
Ja, einen, den sie aber nicht festnehmen konnten, weil er bei der Verhaftung entkommen ist.
27:16
Ich habe so eine Vorstellung, wie er das gemacht hat.
27:20
Der Name des Betrügers Karl Rudolf Hennig. Lederarbeiter, geboren am 30. Oktober 1874 in Berlin. Laut den Akten Sohn anständiger Eltern.
27:29
Wie du?
27:30
Wie ich, genau. Der Rest ist nicht wie ich. Er hat nämlich bereits über elf Jahre Zuchthaus und Gefängnis hinter sich wegen Körperverletzung, schwerem Raub und Erpressung.
27:38
Und jetzt ist völlig klar, Oberinspektor Reimann, Viktor Hohenheim, Reinicke Wuchs ist Rudolf Hennig. Es gibt nur ein kleines Detail. Rudolf Hennig muss jetzt auch noch gefasst werden.
27:50
Die Ermittler denken sich sofort den nächsten Plan aus. Sie wollen Hennig mit fingierten Jobannoncen aus dem Versteck locken. Also wieder so Inserate, wo schnelles Geld versprochen wird. Genau das, worauf er reagiert. Teilweise ja am selben Tag noch, aber diesmal gibt es keine Reaktion.
28:08
Dann zieht die Polizei Hedwig Fiebig ins Vertrauen. Die Köchin, die den Mörder als Viktor Hohenheim kennengelernt hat, der sie umworben hat, um sie um ihr Erspartes zu bringen. Sie veröffentlicht jetzt im Auftrag der Polizei ein Inserat. Sie wolle die Beziehung zur Viktor Hohenheim wieder aufnehmen.
28:25
Und Hennig antwortet per Postkarte und schreibt, geben Sie sich keine Mühe, auf den Leim gehe ich nicht. Krass, oder? Der spielt wirklich Katz und Maus.
28:35
Ich bin ein bisschen beeindruckt.
28:37
Fuchs und Dachs spielt er vielleicht.
28:39
Ja, das passt besser. Also, neuer Plan muss her und der nächste Plan, der ist groß.
28:46
Am Samstag, den 3. Februar 1906, lädt die Kriminalabteilung die Chefredakteure aller großen Berliner Zeitungen ein. Die bekommen eine klare Sachdarstellung und ein Fahndungsfoto und die Polizei stellt dann eine klare Bedingung. Nichts davon erscheint vor Montagmorgen, dem 5. Februar.
29:05
Im Hintergrund laufen dann die Vorbereitungen. 3000 Fahndungsblätter gehen an Hafenstädte, Bahnübergänge, Provinzhauptstädte. Am Montagmorgen Wenn die Zeitungen erscheinen, sollen alle Berliner Bahnhöfe besetzt sein mit Polizisten. Kein Ausgang, keine Grenze, nichts soll unbeobachtet bleiben. Der Plan, Hennig schlägt morgens die Zeitung auf, sieht sein Gesicht und merkt, dass die Stadt für ihn komplett unbegehbar geworden ist und dass er fliehen muss.
29:34
Weil er wirklich überall gesucht wird. Aber dann erscheint schon am Sonntagmorgen, am 4. Februar, die Ausgabe des Berliner Lokalanzeigers mit Hennigs Bild, mit dem Steckbrief. Also alles einen Tag zu früh. Angeblich ist es ein Versehen in der Druckerei.
29:53
Die anderen Zeitungen sind so wütend über den Alleingang des Lokalanzeigers, dass einige am Montag das Bild gar nicht mehr drucken.
30:00
Regina, was sagst du dazu? War das ein Versehen?
30:04
War das ein schreckliches Versehen?
30:06
Da kann ich nur sagen, typisch, nee, das war kein Versehen. Also ich bin mir ziemlich sicher, dass der Lokalanzeiger da so ein bisschen Zeit schinden wollte. Und ja, also solche Meldungen, die konnten die Auflage erhöhen. Da gab es viel Geld, dass der Zeitungsmarkt war, hart umworben. Ja klar, damit hatten sie, sie waren die Ersten, also haben sie am meisten Geld damit verdient.
30:30
Also ich würde durchaus, ich unterstelle das einfach mal, das war Absicht, bestimmt kein Versehen.
30:35
Fest steht, der Überraschungseffekt ist natürlich dahin, denn wir wissen eine Sache ganz sicher, Hennig liest Zeitung.
30:43
Aber zum Glück ist er nicht der Einzige.
30:47
Ich möchte eine Meldung machen. Mein Name ist Löst, ich bin Hausbesitzer. Ich war früher selbst Schutzmann. Ich kenne dieses Gesicht aus der Zeitung ganz genau. Welche Gesicht? Hennig, der Raubmörder.
31:01
Ich habe einen Mieter in der Corinna Straße 54. Arthur Hein Kaufmann, sagt er. Ansteiger Kerl, ruhig, zahlpünktlich. Aber seit ich das Bild in der Zeitung gesehen habe, das ist derselbe Mann, da bin ich sicher. Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen? Heute Morgen. Hat er mich noch gefragt, ob ich Zeitung lese. Hat wohl Schiss gekriegt. Donnerwetter, das gibt es ja nicht.
31:28
Kollege Petschak, Kollege Wolf, Corinna Straße 54, Abflug.
31:34
Sie haben ihn. Ja, so scheint es. Die Beamten Petschak und Wolf machen sich also auf den Weg und klingeln in der Corinna Straße 54.
31:43
Ein Mann öffnet die Tür, Kaufmann Arthur Hain, stellt er sich vor. Er ist ruhig und freundlich und hat eine verwissende Sicherheit, so steht es in den Akten. Er hört sich alles an und nickt.
31:54
Er sagt, selbstverständlich kommt er mit, um sich zu legitimieren, also um zu zeigen, dass er wirklich Arthur Hain ist, dass er nicht Rudolf Hennig ist. Er will das sofort klären, er ruft sogar noch in seine Wohnung. Frau Schöber soll mal Kaffee bereithalten, weil er ist ja in einer halben Stunde zurück.
32:09
Die Beamten sind durchaus beeindruckt von so viel Lässigkeit. Der Mann ist außerdem anständig gekleidet, er spricht ganz ruhig, macht überhaupt gar keine Anstalten zu fliehen, ist nicht nervös. Sie legen ihm also keine Handschellen an.
32:24
Petschak läuft voraus, Hennig in der Mitte, Schutzmann Wolf hinterher. Ein Spaziergang zum 17. Polizeirevier Wörtherstraße.
32:34
Aber dann auf dem Treppenabsatz vor der Reviertür greift Petschak nach dem Türgriff und in diesem Moment dreht sich der eben noch so kooperative Mann um, zieht einen Revolver, schlägt Wolf die Waffe gegen die linke Schläfe, sodass Wolf zu Boden sackt.
32:52
Arthur Hain, also...
32:54
Rudolf Hennig springt die Treppe hinunter und rennt los, 400 Meter weiter, Schönhauser Allee 28, stürmt er in ein Haus, bei dem die Tür gerade offen steht. Er rennt hoch bis unters Dach, die Beamten hinterher. Er dreht sich auf dem letzten Treppenabsatz nochmal um und gibt zwei Schüsse ab.
33:11
Dann klettert er hoch aufs Dach, springt über einen anderthalb Meter breiten Lichtschacht aufs Nachbardach und läuft. Ich habe mir den Straßenzug angesehen. Die alten Häuser von damals stehen alle noch. Wenn ihr mal flüchten müsst, ich würde diese Stelle nicht empfehlen.
33:24
Nein, macht es nicht. Später wird er vor Gericht sagen, der Revolver sei gar nicht geladen gewesen. Er habe nur Schrecken verbreiten wollen. Ob das stimmt, weiß niemand. Sicher ist nur, Rudolf Hennig ist wieder entkommen.
33:38
Petschak und Wolf werden anschließend wegen fahrlässiger Gefangenenbefreiung angeklagt. Sie hatten einen potenziell bewaffneten und als gefährlich bekannten Mörder ohne Handschellen, ohne gezogene Waffe und ohne jeden Sicherheitsabstand abgeführt. Sie kriegen beide eine Geldstrafe.
33:55
Ja, aber der hat ja auch gesagt, er ist Arthur Hain.
33:59
Also Hennig flüchtet über die Dächer Berlins und ganz Berlin erfährt davon. Natürlich, weil es auch überall in der Presse steht. Die Flucht über die Dächer der Schönhauser Allee. Aus dem Berliner Tageblatt.
34:13
Zunächst das Urteil über den Verbrecher selbst. Da bleibt kein Auge trocken, wenn man die unverholene Bewunderung wahrnimmt, die alle dem kühnen Helden der romantischen Jagd über die Dächer zollen. Nun muss man bedenken, dass es sich für den Verbrecher um die Wurst handelt. Er kämpft um Leben und Tod. Wenn er erwischt wird, ist sein Kopf nicht mehr wert wie eine alte Kohlrübe. Das weiß er ganz genau und riskiert lieber einen Todessprung fünf Stockwerke hoch über einen Lichtschacht, als dass er sich fassen ließe.
34:45
Einen Tod kann er bloß sterben.
34:48
Da ist was dran. Ja, da ist was dran. In der Berliner Morgenpost wird ein Spottgedicht abgedruckt. Das geht so.
34:54
Was wimmelt da draußen bei Tag und Nacht? Und huscht man die Häuser und Gassen? Denn was als Aug des Gesetzes wacht? Die Blauen haben sich aufgemacht, den Hennig beim Kragen zu fassen. Und wenn ihr die blauen Gesellen fragt, das ist Boris leider vergebliche Jagd. Boris, das war damals der Polizeipräsident.
35:12
Also die Berliner, die ihre Kriminalpolizei übrigens damals auch schon für die modernste der Welt halten, die lesen jetzt täglich, wie dieselbe Polizei einen einzigen Mann nicht fangen kann. Ein Mann, der ihnen schreibt, ihr seid Dachse, ich bin der Fuchs und der dann tatsächlich über die Dächer entwischt.
35:30
Es kursieren Witze in den Kneipen. Der beliebteste wäre Hennig, ohne Fahrradlaterne gefahren, hätte die Polizei ihn längst. Den ich übrigens auch sehr gut finde. Also das ist dieser Seitenhieb. Die Berliner Beamten kümmern sich eher darum, kleinste Vergehen zu verfolgen. Jemand, der ohne Licht fährt, gegen den kleinen Bürger und versagen aber dafür dabei, einen Mörder zu fassen. Regina, das ist ein absoluter PR-Albtraum für die Berliner Polizei, die damals mutmaßlich keine PR-Abteilung hatte, die sich um sowas kümmern konnte.
36:02
Nee, hatte sie auch noch nicht. Ich glaube, sie hat zu der Zeit auch noch keine Pressekonferenzen gemacht, wie später dann, also in den 20er Jahren, unter Gennert beispielsweise. Ja, aber das, was sich hier abspielte, das war wirklich eine Kriminalkomödie par excellence, Was hier leider alle paar Jahre immer wieder mal passiert, aber natürlich maßlos peinlich.
36:25
Und hat dieser Hohn, dieser Spott, hat das die Ermittlungen irgendwie beeinflusst?
36:31
Ja, das auf alle Fälle. Die Polizei fühlte sich sehr unter Druck gesetzt. Sie musste jetzt endlich mal einen Erfolg bringen. Also die ganze Stadt lachte über die Polizei. Die Witzblätter, für die war es ein gefundenes Fressen. Und ja, es musste jetzt endlich mal was kommen. Sie mussten endlich jetzt mal liefern.
36:48
Hinweise gibt es auf jeden Fall genug. Ab sofort sieht ständig jemand Rudolf Hennig irgendwo in Berlin. Man muss sagen, die Stadt dreht damals auch ein bisschen durch. Vielleicht so wie wenn heute Harry Styles...
36:59
in Berlin auftaucht, würde ich sagen.
37:01
Nur, dass der kein Raubmörder ist. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit. In Tempelhof zum Beispiel wird ein Mann Mit Hemdsärmeln und Mütze gesehen? Das könnte doch Rudolf Hennig sein. Die Polizei rückt aus. Es ist nicht Rudolf Hennig.
37:17
An der Kopernikusstraße in Friedrichshain behauptet ein angeblicher Schulfreund von Hennig, ihn erkannt zu haben. Die Polizei umstellt damit einem riesigen Aufgebot das gesamte Laubengelände und die Neubauten an der Gabriel-Max-Straße. Ergebnislos.
37:32
An den norddeutschen Eiswerken am Tiergarten will ein Nachtarbeiter ihn nachts an der Mauer gesehen haben. Aber auch das war nicht Rudolf Hennig. Männer, die auch nur entfernt wie er aussehen bzw. wie er auf dem etwas veralteten Fahndungsfoto, werden auf offener Straße von Bürgern festgehalten. Manche werden sogar verprügelt. Hausfrauen trauen sich zu diesem Zeitpunkt mitunter nicht mehr auf ihre Trockenböden unterm Dach oder in die Keller ihres Hauses.
38:01
Ja, es gibt Kinder in so Laubenkolonien, die spielen Hennig und Schutzmann. Und das endet im März 1906 auch in einer Tragödie. Ein Junge erschießt dabei versehentlich seinen Freund mit einem echten Revolver.
38:14
Die Krönung der Absurdität, es gibt irgendwann sogar Fanartikel, also Raubmörder-Merch. Ein Schürzenfabrikant verkauft Knabenschürzen mit dem Motiv von Hennig auf der Flucht mit seiner Ballonmütze und Revolver für 1,25 Mark.
38:31
Der Mörder ist zur berühmten Figur geworden, zur Attraktion, zu so einem Berliner Maskottchen irgendwie, ne?
38:38
Die Belohnung, die auf seine Ergreifung ausgesetzt ist, klettert immer weiter. Erstens 500 Mark, dann 1000, dann 3000. Zeitungen setzen auch eigene Prämien aus. Aber Hennig ist immer noch nicht gefasst. Am 12. Februar erscheint in mehreren Blättern dieselbe Frage als Schlagzeile.
38:56
Wo bleiben die Polizeihunde?
38:58
Ja, der Ton ist da so ein bisschen besserwisserisch. Um einen Mörder zu fangen, dazu brauche man schließlich einen Hund. Das habe in Braunschweig bereits jeder gecheckt.
39:08
Was war in Braunschweig? Die Presse präsentiert einen Star, Harras, einen deutschen Schäferhund, aus Braunschweig, der dort einen Mörder gestellt hatte, indem er ihn zweimal umkreiste und dann direkt auf ihn zuging. So steht es in der Zeitung. Der hat dann zusammen mit seinem Kollegen, also Hundekollegen, Cäsar, auch eine vermisste Frau gefunden, die sich in der Oka ertränkt hatte und dabei sogar den Baum erschnüffelt, von dem aus sie ins Wasser gesprungen war. Also die müssten es schaffen.
39:36
Also genau, die Botschaft ist unmissverständlich. Ein Hund kann, was die Dachse, also Berlins Kriminalisten, nicht können. Die Presse schlägt vor, die jagt auf Hennig an, Zitat, befähigtere Nimrods, also befähigtere Jäger zu verpachten. Berlin lacht, Berlin schämt sich, alles ist gleichzeitig so. Alles wie immer.
39:57
Und während die Hauptstadt nach Hunden ruft und Polizisten auf Dachböden und Keller schickt, während Unschuldige auf offener Straße verprügelt werden, weil sie einem Fahndungsfoto ähneln, hat sich der Fuchs längst davon gemacht.
40:14
Ortswechsel einen Monat später. 14. März 1906, Stettin. Ein Privatwächter namens Hase, beobachtet, wie jemand sein Fahrrad klauen will.
40:30
Er pfeift nach dem Dieb, macht sich auf, ihn zu verfolgen. Der Dieb stirbt mit dem Rad, rappelt sich aber wieder auf, läuft weg und Hase hinterher.
40:39
Da kommt zufälligerweise ein Kriminalschutzmann namens Jöx des Weges. Kriminalschutzmann. Wir klingen schon wie 1905. Er kommt des Weges, ein erfahrener Beamter und kein Witz, er ist bekannt dafür, Einbrecher über Hausdächer verfolgt zu haben. Was für ein Zufall. Er sieht die Männer rennen und schließt sich instinktiv der Verfolgung an.
40:59
Und kriegt auch den flüchtigen Dieb, führt ihn ab zur Wache. Für Jöx zumindest oder Jöx ist es einfach ein banaler Fahrraddieb.
41:08
Direkt vor der Polizeiwache kann sich der Verhaftete aber losreißen, bekommt eine Hand frei und zieht einen Revolver, schießt Jöks ins Gesicht, trifft Mund und Backe.
41:20
Aber Jöks fällt nicht. Er zieht seinen Eichenstock und versetzt dem Mann einen Schlag und dieser Schlag wird später als echter, pommerscher Knüppelhieb in die Akten eingehen. Der Mann geht zu Boden. Was für ein Typ. Ja.
41:33
Auf der Wache durchsuchen die Beamten den Festgenommenen, stellen seine Papiere sicher. Und den Namen? Den kennt wirklich ganz Berlin. Es ist Rudolf Hennig.
41:44
Der Schutzmann, der gerade einen Schuss ins Gesicht bekommen hat, der hat tatsächlich den meistgesuchten Raubmörder des Deutschen Reichs gefasst. Und zwar ohne es zu wissen, wegen eines gestohlenen Fahrrads. Also es ist wirklich absurd.
41:57
Berlin erreicht die Nachricht noch am selben Abend. Extrablätter verbreiten sie. Die Nachricht geht auch direkt an Kaiser Wilhelm II.
42:04
Und die Presse, die wochenlang die Berliner Polizei zerrissen hat, schreibt nun, was hunderte Beamte 3000 Steckbriefe und eine 3000 Mark Belohnung nicht schafften, vollbrachte der blind zutappende Mut eines Provinzschutzmanns.
42:19
Kannst du dir alles nicht ausdenken? Dit is Crime-Hysterie, sag ich euch.
42:22
Hennig wird nach Berlin gebracht unter besonderen Vorsichtsmaßnahmen, dieses Mal sogar mit Handschellen. Endlich. Er kommt direkt ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz.
42:32
Und da ist tatsächlich mal Schluss mit Coolness. Der Mann, der Inspektor Braun als Dachs verspottet hat, der sich selbst für einen schlauen Fuchs hält, der Heiratsschwindler, der angebliche Inspektor, der Dachläufer, der Mann, der monatelang die stärksten Nerven Berlins bewiesen hat, der tobt jetzt.
42:48
Stundenlang schreit er rum in den Kellern der Roten Burg, hört man ihn durch die Gänge.
42:53
Braun versucht trotzdem mit ihm zu sprechen. Er weiß mit Härte, kommt er nicht weiter, also versucht er was anderes. Er lässt ein Beefsteak bringen und eine Flasche Wein und Hennig isst und trinkt und redet.
43:06
Er gibt zu, August Giernoth im Glienicker Forst erschossen zu haben. Und er erklärt auch warum. Giernoth hatte das Geld leider nicht in bar dabei, sondern nur als Sparkassenbuch, als schwer veräußerliches Papier, wie er sagt.
43:21
Hätte Giernot das Geld in der Tasche gehabt, in Bar, sagt er, dann hätte er ihn vermutlich gar nicht erschossen, sondern nur beraubt. Aber so musste er eben sterben. Eine nüchterne Erwägung, ein 21-jähriger Kellner stirbt, weil sein Mörder das Sparkassenbuch nicht gut genug zu Geld machen konnte.
43:40
In Vino Veritas, im Wein liegt die Wahrheit, so steht es tatsächlich ganz trocken in den Akten, Braun hat sein Geständnis. Als der Prozess vor dem Potsdamer Schwurgericht beginnt, sagt Hennigs alter Vater aus, unter Tränen, er sagt, er habe alles getan, um seinen Sohn zu einem ordentlichen Menschen zu erziehen und dass der jetzt auf der Anklagebank sitzt, das bricht ihm das Herz.
44:04
Und Hennig hat auch ein ganz schönes Problem, also er hat ja gestanden, es gibt Zeugen, die Unterschriften wurden verglichen, also die Beweislast ist erdrückend.
44:13
Also wechselt er die Taktik.
44:15
Also wechselt er die Taktik. Nee, Florian.
44:17
Ach nee, Florian.
44:19
Alter, Florian. Das ist genau seine Taktik. Also tagelang sitzt Hennig starr auf der Anklagebank und plappert mechanisch alles nach, was seine Umgebung sagt. Er macht so stumpfen Blick, macht so leere Augen. Also er macht ein bisschen auf geistig umnachtet.
44:34
Mit diesem Nachplapperding habe ich meine Schwester in den Wahnsinn getrieben in unserer Kindheit. Ich kann sagen, das ist sehr effektiv. Der Gerichtssaal ist, so ist es überliefert, unheimlich still, während das alles passiert. Die Zuschauer fragen sich, hat der Mann unter der Last seiner Taten tatsächlich den Verstand verloren? Und kann man einem Mann, der nicht zurechnungsfähig ist, den Kopf abschlagen? Genau darauf spekuliert er.
44:59
Der Gerichtsarzt allerdings durchschaut das Schauspiel. Er muss es halt beweisen. Deswegen wartet er, lässt Hennig plappern und dann mitten in einer ruhigen Sitzung spricht er ihm einen Satz vor. Hennig hat den Giernut ermordet.
45:12
Stille.
45:15
Ja, Hennig hört das, stutzt und schüttelt den Kopf.
45:18
Er hat es nicht nachgeplappert, so wie ich zum Beispiel auch nicht nachgeplappert habe, wenn meine Schwester dann irgendwann gesagt hat, ich bin doof. Ich bin ja nicht blöd. Aber genau so auf diese, das ist fast wirklich ein bisschen kindisch, aber so wird Hennig überführt.
45:32
So wird Hennig überführt.
45:35
Okay, ich hör auf, aber wenn man erst einmal anfängt.
45:38
Nach der gescheiterten Simulation erklärt das Gericht Hennig für voll schuldfähig und fällt am 30. April 1906 das Urteil. Todesstrafe wegen Raubmordes, Hennig erwartet das Schafott.
45:53
Bevor Hennig stirbt, muss er nochmal vor Gericht, diesmal nicht als Angeklagter selbst, sondern als Zeuge.
46:01
Es ist der Prozess gegen Petschak und Wolf, die beiden Beamten, die ihn im Februar ohne Handschellen, ohne gezogene Waffe und ohne jeden Sicherheitsabstand abgeführt hatten. Wir hatten es ja schon gesagt, sie werden angeklagt wegen fahrlässiger Gefangenenbefreiung. Und Hauptzeuge ist eben der Mann, den sie ihn kommen ließen.
46:18
Die Sicherheitsvorkehrungen für diesen Prozess sind beispiellos. Hennig wird in Häftlingskleidung durch einen unterirdischen Gang in den Saal geführt. Er ist schwer gefesselt. Vier Gefängnisbeamte halten ihn während der gesamten Vernehmung an den Armen fest.
46:32
Und Hennig genießt jeden Moment davon.
46:35
Er spricht schnell, er wirkt überlegen und er lässt keine Gelegenheit aus, die Beamten lächerlich zu machen. Er behauptet auch, Patrick habe in der Wohnung sogar das Fahndungsfoto aus der Tasche gezogen, ihn angesehen und dann die Suche abgebrochen, weil er ihn nicht erkannt hätte.
46:50
Das Gericht folgt seiner Darstellung und die beiden Beamten müssen Strafe zahlen. Petschak 300 Mark, Wolf 100 Mark. Die letzte Demütigung, die Hennig der Berliner Polizei zufügen kann.
47:02
Am Abend des 6. Dezember 1906 teilt Staatsanwalt Mendelssohn Hennig mit, dass er am nächsten Morgen sterben wird. Ein letzter Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens war noch am selben Abend abgelehnt worden. Auf eine Begnadigung durch den Kaiser hatte er bis zuletzt gehofft.
47:20
7. Dezember 1906, Strafgefängnis Plötzensee, morgens um 8. Als die Wärter ihn auf den Hof führen, ist die Kaltschnäuzigkeit endgültig weg. Hennig sträubt sich wie ein Wahnwitziger, schreit wie ein wildes Tier, ruft immer wieder, was wollt ihr denn von mir? Erst als der Staatsanwalt das Urteil verliest, wird er für einen Moment still und lässt sich auf den Richtblock legen.
47:46
Scharfrichter Lorenz Schwitz aus Breslau führt das Beil. Anderthalb Minuten dauert es, dann ist alles vorbei. Das arme Sünder Glöckchen läutet. Also Kirchenglocken läuten, das war in vielen Städten bei Hinrichtungen üblich.
47:58
Damit die Bevölkerung weiß, jetzt könnt ihr beten für die arme Seele. Regina, zum Thema Todesstrafe, ein paar Mal haben wir darüber schon gesprochen, aber hier Scharfrichter Lorenz Schwitz, den kennen wir noch nicht. Kannst du uns was über den erzählen?
48:14
Ja, der ist uns bis jetzt zwar noch nicht begegnet, aber immerhin hat er 123 Menschen enthauptet. Das ist ja eine ganze Menge. Ja, er war ausgebildeter Scharfrichter. Vorher ist er Abdecker gewesen. Also ein Abdecker ist jemand, der Pferde schlachtet oder auch in der Abdeckerei, also Pferdekadaver beseitigt.
48:37
Ja und offenbar war Schafrichter richtig ein Lehrberuf und er hat auch weitere Schafrichter ausgebildet.
48:46
Was gehört denn zur Ausbildung eines Schafrichters?
48:49
Ja, das ist eine gute Frage. Also ich möchte mir das auch gar nicht ausmalen.
48:53
Also ich stelle mir das so ungefähr vor, dass das so lief unter dem Motto. Also heute kickst du noch zu und morgen machst du das mal selber. So unter dem Motto vielleicht. Ja, vielleicht mit Klischees oder so. Aus Holz hat man vielleicht gearbeitet. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall musste er treffsicher sein. Treffsicher sein?
49:14
Ja, na sicher. Das musste mit einem Mal, denn derjenige, der hingerichtet wurde, der sollte auch nicht unnütz gequält werden. Also solche Richtlinien gab es schon. Das musste mit einem Mal, musste der geköpft werden. Ja, das hört sich jetzt furchtbar grausam an. Ja, ist es auch, aber das ist tatsächlich die Realität gewesen.
49:34
Rudolf Hennig stirbt an diesem Tag genau ein Jahr und drei Tage nach dem Mord an August Giernoth.
49:43
Was durchaus spannend ist, der Dichter Christian Morgenstern schreibt ein Essay. Er klagt Kaiser Wilhelm II. an. Morgenstern ist Gegner der Todesstrafe. Und er schreibt, dass Hennig wenigstens Mut und Witz besessen hätte, als er sich hunderttausenden Beamten gegenüber sah, während die Gesellschaft, die ihn hinrichtete, aus Feiglingen und Schwachköpfen bestehe.
50:07
Hennigs Opfer, August Giernot, hätte das mit Sicherheit anders gesehen.
50:12
Regina, vielen Dank. Bitte, gern geschehen.
50:14
Danke fürs Weiterempfehlen. Danke für eure Kommentare. Macht gut.
50:18
Tschüss. Tschüss.
50:23
Crime History ist ein Podcast vom rbb. Produziert von Bose Park Productions. Moderation Jana Falkenstein und Florian Prokop. Redaktion Dörte Kaspari und Jörg Simon. Story und Recherche.
50:38
Laila Melis und Lena Neff. Kamera, Ton, Schnitt, Kaja Gazarian und Alexander von Wagen. Projektleitung Bosepark, Jelena Berner. Producer Bosepark, Su Holder und Chris Guse. Distribution, Nina Klippel und Lea Steinbach. Produktionsleitung, RBB, Tatjana Wilbos.